Wenn Du glaubst du bist normal, …


Text: Volker Schönwiese, Bildausschnitt aus dem Kupferstich „Hochmut“ von Pieter Brueghel d.Ä., Zyklus zu den 7 Todsünden ca. aus dem Jahr 1560, in: Erziehung heute, Dez. 1977, S. 24

Eva Egermann: Wie kam der Beitrag in „Erziehung heute“ 1977 zu Stande? Was für eine Zeitschrift ist das?

Volker Schönwiese: „Erziehung heute“ war eine kritische Zeitschrift zum Thema Bildung. Peter Gstettner und ich haben 1977 für eine e.h.-Nummer behinderte Personen interviewt, über das Thema Öffentlichkeit und Bewusstsein berichtet und sind für schulische Integration eingetreten. In Österreich war das damals noch sehr neu. Wir druckten auch den Appell einer italienischen marxistischen Gruppe von behinderten Menschen ab – „Heraus aus dem Getto“. Aus heutiger Sicht ein erstaunliches und wichtiges Dokument (siehe den Kasten anbei). Zu dieser Zeit haben wir unter dem Einfluss von Konzepten der Aktionsforschung und in Kenntnis erster internationaler Bürgerrechtsbewegungen von Menschen mit Behinderungen in Innsbruck eine Initiativgruppe gründeten. Sie markierte den Beginn der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich. Im „Archiv zur Geschichte der Behindertenbewegung in Österreich“ – auf bidok.at – ist dazu jede Menge an Material zu finden.

Frage EE: Wie würdest du das gesellschaftliche Klima zu dieser Zeit (70iger Jahre) in Österreich beschreiben? Welche Möglichkeiten gab es für Menschen mit Behinderung/ chron. Krankheiten? Sonderbeschulung war für viele Kinder Realität, oder?

Volker Schönwiese: Behinderte Menschen hatten damals kaum eine Chance der Sonderschule oder der Institutionalisierung zu entkommen. Es war allerdings eine Wende von der reinen Verwahrung in Richtung Rehabilitation eingeleitet, da ergaben sich manch individuelle Schlupflöcher. Generell war die Macht der Institutionen aber total, in den Großeinrichtungen herrschte strukturelle und individuelle Gewalt, die herrschenden Experten klebten am individuellen medizinischen Modell. Von den Reformen in Skandinavien und den anti-institutionellen Revolten in der italienischen Psychiatrie war bei uns real nichts angekommen. Es existierte allerdings bei uns schon massive Kritik, das e.h.-Heft von 1977 zeugt davon.

Eva Egermann: Wie würdest du sagen haben sich diese Situationen im Vergleich zu heute geändert?

Volker Schönwiese: Neben den weiterhin existierenden Versorgungs- und dominanten Rehabilitationsparadigmen ist heute die Perspektive von Selbstbestimmung verbal etabliert, ohne dass sich deshalb die doppelte Diskriminierung, die die italienischen Gruppen 1977 beschrieben hat, aufgelöst hätte. Natürlich haben wir Erfolge z.B. bei Persönlicher Assistenz vorzuweisen, die Widersprüche und Ambivalenzen sind allerdings geblieben, Individualisierung, Spaltung (Creaming) und Kommodifizierung (Vermarktlichung) gewinnen an Bedeutung. Inklusion wird ein Etikett für nahezu alles. Die Systeme wandeln sich wie Chamäleons. Es ist kein Ende der Kämpfe in Sicht, weder auf der ökonomischen noch auf der politischen noch auf der kulturellen Ebene.

Eva Egermann: Warum findet sich neben deinem Text ein Ausschnitt eines Brueghel-Stiches? Welche Bezüge siehst du zu den Arbeiten von Brueghel und Deiner Publikumsbeschimpfung?

Volker Schönwiese: Sowohl Hieronymus Bosch als auch Brueghel haben mit ihren grotesken Gestalten kultur- und gesellschaftskritische Reflexionen unterstützt. Mich haben diese Gestalten immer sehr fasziniert. In einem spontanen Text habe ich die Spiegelmetapher und eine Projektionsvorstellung aufgegriffen um durch Provokation auf gesellschaftliche Phantasmen hinzuweisen und an die LeserInnen näher dran zu kommen. Das Heft und der Text hatten damals durchaus eine bestimmte Wirkung, Felix Mitterer hat z.B. unter Einfluss dieses Textes das damals sehr erfolgreiche Theaterstück „Kein Platz für Idioten“ geschrieben. Im Rückblich heute kann gesagt werden, dass damals schon erstaunlich viele Themen, die uns heute noch beschäftigen, kritisch diskutiert wurden.


„Heraus aus dem Getto „, das ist der Wutschrei derer, die den ihnen vom System zugewiesenen Platz nicht annehmen. „Heraus aus dem Getto „, das ist der wichtigste Punkt in diesem kapitalistischen System, das den Menschen nur von dem Gesichtspunkt der Produktivität und des Konsums aus betrachtet.

Für physisch Behinderte besteht eine doppelte Diskriminierung:
1) Am Arbeitsplatz, der für gesunde Individuen gedacht ist, können Behinderte nicht arbeiten, weil dort ein Maximum an Ausbeutbarkeit gefordert ist.
2) Aus dieser Diskriminierung geht eine zweite hervor, daß die Behinderten selbst zu Ausbeuteobjekten werden. Das Sozialsystem gibt Hunderttausenden Arbeit und verhindert, daß die Behinderten in das normale Leben integriert werden.
Zu fordern sind:
a) Die Abschaffung jeglicher Diskriminierung, die die Gesellschaft und Allgemeinheit gegenüber allen „Abweichenden“, unter diesen auch die Behinderten, praktiziert. Und zwar in der Schule, am Arbeitsplatz und im Alltagsleben.
b) Die Wiederherstellung eines sozialen Systems, das den Anforderungen und Bedürfnissen der Behinderten entsprich.
Fürsorge ist Ausbeutung und die Ideologie der Fürsorge schafft Randgruppen. Der Behinderte ist behindert, weil das Machtsystem beschlossen hat, daß der Behinderte nicht als Arbeiter dient, sondern als Objekt, an dem man arbeiten kann. Dies bedeutet die Isolation der Behinderten, ihre Verbannung in Heime. Fürsorgeheime dienen der Ausbeutung und bestehen nur solange, wie die Fürsorgebürokraten und die “ wirklichen Engel der Güte“ bestehen. Die Behinderten haben in diesem System nur eine Pflicht: still zu sein und alle Arten der Isolation und Ausschließung, die ihnen aufgezwungen werden, zu erdulden.
Wir Behinderte kämpfen als Bürger gegen die herrschende Klasse, weil wir uns mit den Ausgeschlossenen und Ausgebeuteten identifizieren. Gegen die Fürsorge, gegen die Herren, gegen jene, die uns daran hindern wollen, zu denken und zu leben!
Die Gesellschaft hat uns durch ihre Architektur schon immer ausgeschlossen, indem sie uns die Last unseres Behindertseins immer mehr spüren ließ. In den letzten Jahren sind wir uns aber dessen bewußt geworden und wir haben uns in verschiedenen Gruppen organisiert, die innerhalb dieser Gesellschaft gegen alle jene Strukturen, die uns ausschließen – hauptsächlich gegen das Fürsorgesystem – kämpfen.
Sie haben uns die Freiheit genommen und das Leben, aber nicht die Wut! Die Wut können sie uns nicht nehmen, im Gegenteil, sie wird von Tag zu Tag größer und wir übertragen sie auf andere. Unsere Wut läßt sich nicht kaufen!
Die in der C.H.O.* organisierten Behinderten kämpfen für die Aufhebung ihrer drittrangigen Rolle, für die Integrierung in die Gesellschaft. Für dieses Vorhaben ist die Unterstützung der Jugendlichen, der Arbeiter und Studenten notwendig; denn ein Kampf ohne die Hilfe von der Basis her ist unmöglich.
*Behinderte dieser Gruppe nahmen am 3. Kongress der „Reseau Internationale di alternativa alla psychiatria“ vom 13.-18. Sept. 1977 in Triest teil und verteilten dort die Zeitschrift.

Aus: Erziehung heute, Dez. 1977, S. 16

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