K_eine Zeit


Ich habe keine Zeit für diesen Text.

Auf meinem Schreibtisch türmen sich die Papierberge, ungelesene, zu schnell
gelesene Texte und Unterlagen. Lohnarbeit zwischen dem Schreibtisch und dem
Sesselkreis. Das Leidenschaftsdenken und -Tun verrinnt mir zwischen vier Jobs-.
Ich sitze, oft, in meinem Projektbüro. Trotzdem, für das normative Zeitregime im System Universität bin ich stets viel zu langsam. Das Exzellenzsystem hat am liebsten: Dissertation fertig mit Mitte-Ende Zwanzig, danach Bewerben um Stipendien. Bücherschreiben, Journals, Impact, Index. auf Track: mindestens alle sechs Jahre ein Institutionenwechsel, plus internationale Erfahrungen. Hier kann ich mit. Wechsel zwischen Instituten, AMS und wieder
zurück zeigt meine Lohnarbeits-Timeline im Schnitt jedes dritte Jahr. Ich habe gefühlt
zu wenig Zeit für Aktivismus, Erholung, auf dem Sofa liegen und in die Luft starren.
Therapie und Kind-Ich. Leidenschaft und Care Arbeit in Bezugsnetzen: Ich habe keine Zeit für diesen Text.

Trotzdem schreibe ich. Für Momente im Jetzt und das, was sein will. Das Wissen, das ich aufgreife, hat sich in die DisAbility Studies, in die Postkolonial-, den Queer- und Trans*-Studies eingeschrieben. Von Denker_innen, Schreibenden und Aktivist_innen formuliert, debattiert, bestritten, umstritten. Oft aus einer marginalisierten Position formuliert, etwa der Queers of Colour wie José Esteban Muñoz oder der feminist, queer crips wie Alison Kafer. Dieses Wissen konfrontiert mich mit der Frage, wie und wo ich als Kompliz_in normative Zeitregime stützte und vom Wissen Marginalisierter profitiere. Es zeigt mir eigenes Scheitern an den normativen Zeitvorgaben und öffnet mir den größeren Kontext. Nicht zuletzt hält es den Anspruch hoch, der mich anzieht: Das, was sich mir zeigt und tut, zu benennen und zu verändern: Es dreht mein Begehren wie bei Muñoz um ein anderes Sein in der Welt und in der Zeit.

Meine Zeit vergeht, aber sie schreitet nicht einfach und linear voran. Sie ist selbst eine politisch umkämpfte Kategorie. In ihr zeigen sich die Auswüchse ungleicher Verhältnisse, wesentlich für die Konstruktion von Ungleichheiten. Dabei wirken die zeitlichen Ordnungen in Gesellschaften – wie Elizabeth Freeman schreibt – besonders für jene „natürlich“, die von ihr profitieren und privilegiert werden. Nur aus dieser Perspektive folgt Zeit ihrem scheinbar natürlichen Lauf. Machtvolle Vorstellungen „richtiger Zeitlichkeit“ bleiben so verdeckt. Sichtbar und spürbar wird das durch die „richtige“ Dauer einer Tätigkeit, die schnelle zeitliche Abfolge von den “richtigen” Ereignissen in unseren Leben. Aber auch Vorstellungen zu einer „richtige Zukunft“ oder die Erinnerung an die „richtige“ Vergangenheit tragen Spuren einer Chrononormativität. Mit diesem Begriff fasst Freemann eine Zeitlichkeit, die getaktet Normvorgaben folgt. In der „richtigen Zeit“ sein wird wie am Beispiels meines Arbeitsplatzes kulturell, sozial und ökonomisch anerkannt. Normative Zeitabläufe finden sich ebenso in zielgerichteten Narrativen eines „richtigen Lebenslaufes“. Von Geburt zu Schule, über Verpartnerung, Nachwuchs, Karriere bis zur Anhäufung von Reichtum für die “eigenen” Nachfolgenden und den Tod. Zeitliche Normative organisieren Körper für eine maximale Produktivität. Dieser Prozess ist rassialisiert, sexualisiert und vergeschlechtlicht, aber auch durchzogen vom Normativ der „Nicht-Behinderung“.

Obwohl es unmöglich ist, ein unversehrtes in der Welt-Sein über eine Lebensspanne hinweg zu verkörpern, gibt es dennoch einen gesellschaftlichen Zwang zu diesem Ideal. Darin steckt Gewalt, nicht zuletzt ausgedrückt in der (Selbst-)-Disziplinierung und im Zwang zur Normalisierung, der versuchten Anpassung und der Erwartung der Anpassung an gesellschaftliche (Zeit)- Normen. Wo normative Zeit ständig archiviert für eine Zukunft, für die Lohnarbeit, für Ehe/Partner_innenschaft und Kinder, zeigt eine Crip-time nach Kafer Anfälle und Ausbrüche aus diesem Zwang einer be_hindernden Gesellschaft. Die Crip-Time ist eine Explosion. Anstatt Arten in der Welt zu sein in.Takt zu zwingen, dehnt sie den Takt der Zeit.

Die Wust an Emails war zu lang, ich wusste von Dingen, die ich
eigentlich nicht wissen wollte. Zu viel Zeit im Plenum vertan. Mehr Prägnanz und
Effizienz im gemeinsamen tun, sagt Uni-ICH. Aber: Assistenz für ein kurzfristig anberaumtes Arbeitsgruppentreffen ist nicht in zwei Tagen zu organisieren. Zugänglichkeitsinfos für Räume auf die Flyer, auf die Website, (!) fünf Mal darauf aufmerksam gemacht worden: Klos aus-, Treppenabsätze abmessen, Rampen bauen. Wie zeigt sich der Anspruch an politische Allianzen in der Zeitlichkeit? In Zeit und Raum Hierarchien abtasten. Dominanz erkennen, besser verlernen. Verbunden sein wollen, aber nicht in.Takt. Das Ich versteckt sich nicht im passiv, spricht auf sich bezogen in erster Person, benutzt, wenn überhaupt, Personalpronomen mit denen du angesprochen werden willst. Dehn-Zeit für das ICH im WIR verwickelt, und im Wissen ums vergehen.

doris arztmann

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