Crip Time


Es ist ein Tabuthema: Der Alltag braucht einfach mehr Zeit für behinderte* Menschen. Zeit ist für mich das Hauptthema, das behinderte* und nicht-behinderte* Menschen de facto unterscheidet.

Mit Zeit ist stets normative Zeit, Produktivität, Zeitlichkeit und Zeitstruktur gemeint. Jene Zeit die normalerwiese nicht-behinderte* Menschen für ihre Alltagstätigkeiten brauchen.

Behinderte* Menschen müssen sehr Vieles ausgleichen, das nicht gesehen wird; beispielsweise auch ableistische Hürden, das sind jene von fehlender Barrierefreiheit und fehlenden Unterstützungssystemen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Zeitlich wird es deshalb oft sehr eng: So müssen beispielsweise nicht-behinderte* Performer_innen nicht überlegen, ob es an einem Auführungsort eine barrierefreie Toilette gibt oder keine. Wenn alle nach dem Tanzen duschen können, können das behinderte* Performer_innen nicht und müssen dann saudreckig und verschwitzt ihre Sachen wieder anziehen. Das klingt sehr banal. Mensch kämpft jedoch mit sehr vielen unsichtbaren Barrieren.

Behinderung* hat eine eigene Zeitlichkeit, Crip Time! Dies benötigt nicht nur ein Bewusstsein, das damit einher geht, dass Menschen mit Dis_ability möglicherweise mehr Zeit für die Fertigstellung ihrer Tätigkeiten oder Ziele brauchen. Es geht auch um die Vorstellung und das Bewusstsein von Flexibilität und nicht nur einfach „extra Zeit“, die damit gemeint ist. Crip Time kann nicht nur als erweiterte Zeit, sondern als „Zeit(lichkeit) für sich definiert werden. Diese kann auch lustvoll entdeckt und erforscht werden.
Was kann und soll in welcher Zeit passieren? Erwartungen davon „wie lange etwas dauert“ sind ausgelegt für sehr spezielle, abled, das heißt nicht-behinderte* also „fähige“ Körper und Seinsweisen.

Crip Time ist nicht nur eine Abzweigung von der linearen, normativen Zeit(planung).
Alle Menschen können im Laufe ihres Lebens zu jeder Zeit und immer wieder „behindert“ sein oder werden. Behinderung wird jedoch in unserer in Normen denkenden Gesellschaft nur den als „tatsächlich behindert“ geltenden Menschen zugeteilt. Auch kein (behinderter*) Mensch ist in jeder Situation und ausschließlich beeinträchtigt. Die Behinderung* besteht immer in Bezug auf eine gewisse Situation. Daraus folgend wird die Kategorie Ability, also „Fähigkeit“ instabil und brüchig.

Crip Time hat jedoch noch mehrere Aspekte. Sie bedeutet auch eine Neuorientierung zu Zeit im Sinne von Zukünftigkeiten. Bilder von Behinderung* führen viel zu oft zu einer Begrenzung unserer vorgestellten Zukunft(s)möglichkeiten. Dem behinderten Körper bzw. der behinderten Seiensweise werden beispielsweise Passivität, (Zeugungs)unfähigkeit, Unbeweglichkeit, Verletzlichkeit, Hilfsbedürftigkeit, Entbehrung und Asexualtität etc. zugeschrieben. Besonders Frauen* mit Behinderung werden aufgrund der gesellschaftlich normierenden stereotypen Zuschreibungen an Geschlechterrollen schnell als dysfunktionale, also „nicht-funktionierende“ Individuen gesehen (vgl. Albright 1997, p. 60; McRuer 2011, p. 107 f.; 112). Die Tragödie der Behinderung haftet dem Individuum als Makel an. Behinderung wird in unserem gesellschaftlichen Normensystem noch immer als nicht wünschenswert angesehen, welche überwunden und eliminiert werden muss, anstatt sie als vielfältige Variante menschlicher Lebensrealität, losgelöst von negativen Bewertungen, willkommen zu heißen. Durch diese tragödienmäßige Betrachtungsweise entsteht so etwas wie keine Zukunft, oder zumindest keine gute Zukunft mit Behinderung* – no future for crips. Es ist nicht vorgesehen in jener Zukunft, dass behinderte* Menschen Akademiker_innen sind bzw. einen Beruf erlernen und ein Leben führen wie nicht-behinderte* Menschen auch. Es ist für sie vorgesehen, in eine Beschäftigungstherapieeinrichtung zu gehen und in einer Institution bzw. einem Heim zu leben etc.. Ein Leben mit Behinderung kann also in der normierenden gesellschaftlichen Denkungsweise nur vermieden werden und die Botschaft ist deutlich: Ein Leben ohne Behinderung bedeutet eindeutig eine „bessere Zukunft“.

Zukunft bedeutet in unserer normierenden Gesellschaftsstruktur immer „Norm-Zukunft“: eine ideale Zukunft nach geordneten Bahnen und bestimmten Lebensabschnitten, Lebensereignissen und vordefinierten, klaren Zielen.

Auf der einen Seite steht also die Anforderung linearer Normerfüllung, auf der anderen Seite steht jedoch das Paradoxon aus (den bereits erwähnten) gesellschaftlich stereotypisierten Zuschreibungen. Ein Weg des Umgangs mit Normvorstellungen ist es, diese zu brechen und dem gesellschaftlichen Zwang zur Normalität, Behinderung; behinderte Seiens- und Lebensweisen entgegenzusetzen. Dies bedeutet das eigene So-Sein selbstbewusst zu vertreten und der nach Norm strebenden Gesellschaft queer-crip Zukünfte und Zukünftigkeiten selbstbewusst entgegen zu bringen. Wir müssen uns also unsere eigenen Zukünfte erdenken, erschaffen und aneignen! Vom normgesellschaftlichen System lassen wir uns jetzt nichts mehr sagen!

Elisabeth Magdlener

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