Crip Pleasures


Bild: Raffael Stiborek

Schon immer war es die Lust, welche mich in meiner choreographischen Arbeit bewegte. Wenn „crip“ etwas wie eine Position der inhärenten Widerständigkeit gegen das markiert, was AutorInnen wie Rob McRuer als „compulsory abled-bodiness“ bezeichnen – wie ist es möglich, ebendiese inhärente körperliche Widerständigkeit für eine politisch-ästhetisch widerständige choreographische Praxis fruchtbar zu machen? Und wie mag eine choreographische Praxis aussehen, welche der Verwobenheit körperlicher Widerständigkeit mit den Regungen der Lust nachspürt und sie, abstrahiert und stilisiert, in den Raum setzt? Gibt es eine kontra-normative Lust?

Vielleicht kommen wir der Sache etwas näher, wenn wir uns der zugeben etwas hausbackenen, aber durchaus aufschlussreichen Unterscheidung von Form und Inhalt zuwenden.

Mich den kontra-normativen Facetten crip pleasures choreographisch zu nähern, bedeutet für mich unter anderem, mich den bruchstückhaften, realen oder fantasierten Szenen zu widmen, die mich in ihren Bann ziehen. Herauszuarbeiten, inwieweit und inwiefern nicht selten jene lustvollen Szenen gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse in encodierter Form zur Darstellung bringen, aufs Engste mit Formen der „Negativität“ verknüpft sind, mit Prozessen der Unterwerfung, Objektivierung und Fetischisierung, aber auch Gefühlen der Trauer und Wiedergutmachung – diese queer-theoretische Geste gilt es crip-choreographisch aufzugreifen und damit nicht zuletzt die Dichotomie von Lustgewinn und Erkenntnisgewinn ins Wanken zu bringen. Haben Autor_innen wie Kathryn Bond Stockton in ihrem „Beautiful Bottom, Beautiful Shame: Where ‚Black‘ Meets ‚Queer'“, Elizabeth Freeman in ihrem „Time Binds: Queer Temporalities, Queer Histories“ und Juana Maria Rodriguez in ihrem „Sexual Futures, Queer Gestures and Other Latina Longings“ auf ebenjene Verwobenheit von Lust und gesellschaftlicher (etwa rassistischer) Macht hingewiesen, so mag eine crip-choreographische Perspektive zudem szenisch ebenso der Nähe von Lust und solidarischer Fürsorge (care) nachspüren.

Choreographische Praxis muss sich indes nicht immer als inhaltliche Arbeit an den Repräsentationen vollziehen. Gleichermaßen gewinnbringend erscheint mir stets die formale Auseinandersetzung mit den spezifischen zeitlichen Intensitätskonturen der Lust, ihren körperlich-gestischen Ausdrucksformen, ihren Rhythmen, ihrem Vibrieren, ihrem Bouncen, Stolpern und Zucken. Crip pleasures zu choreographieren, bedeutet für mich so gesehen immer auch: Unterwandeurung der klassischen dramatischen Form und deren heteronormativer, ableistischer Konnotationen; Subversion des kontinuierlich-virtuosen Crescendos hin zum explosiven Höhepunkt und sanftem Ausklang; Sammlung der Gegen-Rhythmen und Gegen-Spannungen; Aufstand und Ausbruch der Synkopen und Extra-Systolen!

Für manche von uns ist unser widerspenstiges Verhältnis zur Welt ein aufregend verwackeltes. Diese Verwacklung und ihre vielfälten seismischen Nachbeben aufzuzeichnen – das ist es, was die Arbeit so lustvoll macht.

Michael Turinsky

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